Corona und die Bedeutung der Reproduktionszahl R

Dr. med. Matius P. Stürchler

Eine Infektionskrankheit ist eine durch einen Erreger (Virus, Bakterium, etc.) hervorgerufene Krankheit. Bei COVID-19 ist es das Corona-Virus SARS-CoV-2, welches zur Krankheit COVID-19 führen kann. Bei einer Infektionskrankheit wie COVID-19 möchte man wissen, wie gut das Virus von einem Menschen auf den andern übertragen werden kann. Und hier kommt die Reproduktionszahl ins Spiel. Sie gibt an, wie viele Menschen ein bereits infizierter Mensch im Schnitt ansteckt.

Zahlen rund um die Reproduktionszahl R und deren Bedeutung:

  • R kleiner 1: ein Infizierter steckt im Schnitt weniger als eine weitere Person an. R muss unter 1 gebracht werden, damit eine Infektion aus der Bevölkerung eliminiert werden kann!
  • R = 1: ein Infizierter steckt im Schnitt eine weitere Person an. In diesem Fall ist eine Infektion endemisch, das heisst, sie ist in der Bevölkerung vorhanden, nimmt aber weder ab noch zu.
  • R grösser 1: ein Infizierter steckt im Schnitt mehr als eine weitere Person an. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass eine Epidemie, also eine Zunahme der Infektionen über einen bestimmten Schwellenwert in einer Bevölkerung stattfinden kann.

Es gibt verschiedene Faktoren, die die Reproduktionszahl beeinflussen. Wir besprechen diese weiter unten.

Es werden zwei Reproduktionszahlen unterschieden:

  • Basisreproduktionszahl R0 (R-Null): Zum Beispiel zu Beginn des Corona-Ausbruchs zutreffend. R-Null gibt an, wie viele Menschen von einer infektiösen Person durchschnittlich angesteckt werden, wenn keine Immunität (körpereigene Abwehr) gegenüber dem Erreger in der Bevölkerung besteht. Es gibt noch keinen Impfstoff und es sind auch keine Massnahmen zur Eindämmung des Virus getroffen worden.
  • Effektive Reproduktionszahl (R): gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter unter aktuellen Bedingungen im Durchschnitt ansteckt. "Aktuell" kann bedeuten, dass bei bestimmten Personen bereits eine Immunität gegenüber dem Erreger besteht (durch eine Impfung oder wegen einer bereits durchgemachten Infektion), oder dass bereits Massnahmen zur Eindämmung ergriffen wurden.

Die Reproduktionszahl ist nicht immer einfach zu schätzen, da diese von verschiedenen Faktoren abhängt:

  • Wie viele Kontakte finden in der betroffenen Bevölkerung statt?
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung während eines Kontakts?
  • Wie lange ist eine Person infektiös?

Daraus folgt, dass die Reproduktionszahl verschiedentlich beeinflusst wird und sich über die Zeit ändern kann. Einige Beispiele wie R bei COVID-19 reduziert werden kann:

  • Abstandhalten: damit verringere ich die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung.
  • Weniger Kontakte mit anderen Menschen: je weniger Begegnungen, desto kleiner das Risiko, infiziert zu werden. Darum der Lock-down und die Empfehlung, möglichst zuhause zu bleiben.
  • Maskentragen: damit reduziere ich die Anzahl Tröpfchen, die ich in die Umgebung abgebe. Sollte ich infiziert sein, verringere ich das Risiko andere anzustecken. Je nach Maskentyp verringere ich auch mein eigenes Infektionsrisiko. Das korrekte Maskentragen ist zentral: unterhalb des Kinns nützt sie nichts!
  • Händedesinfektion: auch hier verringere ich bei Kontakt mit anderen das Infektionsrisiko.

Aus diesem Grund wird auch fieberhaft nach einer Impfung geforscht, damit der Anteil immuner Menschen in der Bevölkerung erhöht und somit das Übertragungsrisiko reduziert werden kann. Jede geimpfte Person stellt eine Barriere für das Virus dar, da diese Person nicht infiziert werden kann und somit das Virus auch nicht weitergibt. Hier ist auch der Solidaritätsgedanke wichtig: mit einer Impfung schütze ich Personen, die immungeschwächt sind und keine körpereigene Abwehr aufbauen können.

Zusammengefasst: Die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele Menschen ein infizierter Mensch im Schnitt ansteckt. Durch verschiedene Massnahmen wie Händedesinfektion, Abstandhalten, Maskentragen, etc. versuchen wir, R unter 1 zu bekommen und so die Ausbreitung von Corona zu stoppen und das Virus zu eliminieren. R hängt von verschiedenen Faktoren ab. Je genauer ich diese kenne, desto besser kann ich R bestimmen.

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